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Im Stahlguss steht der Kessel unter Druck

BESUCH Olaf Lies und Siemtje Möller informierten sich über Gießereibranche

Niedersachsens Wirtschaftsminister und die SPD-Bundestagskandidatin besuchten Sande Stahlguss. Geschäftsführer Fred Menn berichtete, wo in der Branche der Schuh drückt.
VON MALTE KIRCHNER

SANDE – Wenn derzeit China die Preise für Elektroden, die in Lichtbogenöfen beim Stahlguss benötigt werden, verzehnfacht, schrillt im Sander Industriegebiet nicht nur zur Pause die Alarmglocke. „Dann geht es um Bestandssicherung und darum, dass wir nächstes Jahr noch schmelzen können“, erklärte Fred Menn, Geschäftsführer des Sande Stahlguss gestern bei einem Besuch von Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) und der SPD-Bundestagskandidatin Siemtje Möller.
Bevor die beiden Besucher aus der Politik – ganz im Sinne des Wahlkampfs – schöne Bilder in einem Vorzeigebetrieb der Region anfertigen lassen konnten,mussten sie sich von Menn eine ganze Menge anhören. Zwar geht es der größten Stahlgießerei Deutschlands mit ihren 180 Mitarbeitern und im Schnitt 20 bis 30 Millionen Euro Umsatz im Jahr gut. Der Kessel in der deutschen Gießereibranche steht aber mit Blick auf die Zukunft unter Druck, wie Menn ausführlich darlegte.
Die Sorgen sind vielfältig und vor allem internationaler Kultur. Die EEG-Umlage für Erneuerbare Energien kommt den energieintensiven Betrieb schon seit Jahren teuer zu stehen. Paradox: Größere Industrien werden davon ausgenommen, mittelständische Betriebe allerdings nicht. Lies begründet das mit der Europäischen Union, die zwar Deutschland die EEG-Umlage nicht auferlegt hat, aber dennoch auf „Gerechtigkeit“ poche und nicht beliebige Ausnahmen zulasse.
Schwer nachzuvollziehen ist auch das, was Menn mit Blick auf das europäische Vergaberecht berichtete. So sei es für den Betrieb immer schwieriger, bei Ausschreibungen der öffentlichen Hand in Deutschland den Zuschlag zu bekommen. Mitbewerber aus dem EU-Ausland drücken die Preise, obwohl die Qualität oft schlechter und die sozialen Standards niedriger seien. Überdies bekommen zum Beispiel Betriebe aus Osteuropa Fördergelder der EU. Umgekehrt hielten Länder wie Frankreich und Spanien deutsche Unternehmen bei ihren öffentlichen Auftragsvergeben aus den Verfahren heraus. Lies sprach sich gestern dafür aus, dass die EU-Förderungen auch mit einem Erhöhen der sozialen Standards einhergehen müssten.
Ein nationales Problem ist laut Menn das Bildungsniveau heutiger Bewerber. So habe man zunehmend Probleme, weil räumliches Denken in der Schule vernachlässigt werde. Dabei liege das „Know-How“ doch gerade im Mitarbeiter, sagt Menn. „Das kann kein Computerprogramm ersetzen.“
Menn warnte angesichts dieser und weiterer Sorgen vor nicht weniger als dem Verlust eines ganzen Industriezweigs in Deutschland. „Sind wir Gießereien überhaupt noch gewollt? Wir haben die Textilindustrie verloren, dann die Möbelindustrie. Stahl ist ganz wichtig für die Wertschöpfung in Deutschland.“ Verliere Deutschland die Stahlgießer, würden die Preise aus Fernost diktiert und er sehe die Gefahr eines Absenkens sozialer Standards.
Darin mochten ihm auch die anwesenden Vertreter der IG Metall nicht widersprechen, Der Mittelstand beschäftige in Deutschland mehr Menschen als die Industrie. Trotzdem finde die Industrie mit ihren Anliegen vielfach mehr Gehör. „Wir müssen schauen, dass sich das wieder ändert“, so Antje Wagner.
„Es geht uns in Deutschland derzeit einfach zu gut“, erklärt sich Lies die Situation. „Die Sensibilität für bestimmte Themen ist schwer zu kommunizieren.“ Fehlendes Problembewusstsein, weil der Arbeitsmarkt leer gefegt ist? „Wir dürfen uns nicht an der falschen Stelle ausruhen“, warnt Lies.

Originalartikel (PDF-Dokument)

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